Nur Donner und kein Licht

Und da stehst du also. Es ist neun Uhr. Du, 22, barfüßig und noch in Jeans gekleidet in deinem Badezimmer, schaust in den Spiegel und alles das, was du dort siehst, ekelt dich an. Aber du bist wie ein Unfall und deswegen kannst du deinen Blick nicht davon abwenden. Die blauen Ränder, die sich unter deinen geröteten Augen bis in deine blasse Wange schneiden, sind Beweis dafür, dass du erst vor kurzem nach Berlin gezogen, aber schon beeindruckend abgebrannt bist. Und wenn du nicht schon so matt wärst, könntest du über das alles den Kopf schütteln. Doch trotz deiner letztnächtlichen Leistung ist da nichts mehr in drin dir. Also mal abgesehen von dem schneidenden Geruch in deinem Mund. In dieser Höhle unterhalb deiner Nase, da sind die letzten neun Stunden und sie stinken zum Himmel.

Und da stehst du also im Bus und fährst die Sonnenallee runter zu einer jungen Dame. Auf deinen Schultern spürst du ein Gewicht und in deinem Rücken drückt der Hartalk. Kurz darauf befindest du dich in einer Wohnung, bei einer Frau, die du kaum kennst. Sie hat dich an der Tür mit einem Kuss auf die Wange und einem Blick begrüßt, der den Abend schon vorherbestimmt. Du hast noch nicht oft genug die Erfahrung gemacht, dich besser nicht auf fremde Berlinerinnen einzulassen und deswegen steuert ihr schon kurz darauf trinkend und laut lachend durch die kalte Winternacht in den Prenzlauer Berg.

Während sich Bonobo an den Reglern abquält und das schwitzende Gulasch aus Leibern nur behäbig in Wallung kommt, stehst du – bereits ordentlich in Mitleidenschaft gezogen – an der Bar und bestellst. Du bist in einer Phase deines Lebens, in der du nicht mehr mitzählen willst, wie viel du tatsächlich in dich hineinschüttest. Neben dir steht eine junge Brünette und lächelt dich an. Ihr unterhaltet euch. Eigentlich würdest du ihr gerne sagen: Bitte, bitte, rette mich. Rette mich vor der debilen Blonden dort. Bitte rettet mich, vor mir selber. Nur in diesen immer seltener werdenden Momenten wird dir klar, was aus dir geworden ist. Warst du einmal der romantische Freidenker mit einer großen Leidenschaft für Live-Musik, bist du heute ein gelangweilter Idiot, der Konzerte versäuft und immer Ausschau hält nach zweisamen Nächten. Und solltest du einmal allein sein, stehst du vor deinem Badezimmerspiegel und schaust dir beim Rauchen zu.

Die kleine Blonde platzt dir zwischen deine fest im Hals klemmenden Hilferufe und steckt ihre Zunge urplötzlich in deinen Mund. Während du verblüfft um dich schaust, wendet sich die andere Lady wieder ihren Freunden zu. Du wunderst dich, was eigentlich gerade passiert, schaffst es allerdings nicht, etwas dagegen zu tun. Auch dann nicht, als sie dich auf die Toilette schleift und eine kleine graue Pille auf ihrer flachen Hand präsentiert. Wenn dir dein Leben mittlerweile nicht so unaufgeregt egal wäre, könntest du fragen, was das ist und selbst dann würdest du es nicht so leichtfertig von ihrer Hand lecken, wie du es eben getan hast. Tja, Pech gehabt, aber die Vernunft wohnt mehr nicht in deiner Straße.

Ihr tanzt durch den Club und tut so, als gäbe es keinen anderen Menschen. Ihr küsst und das nicht einmal besonders gut und ihre Hand deutet an, dass es dir heute noch an die Wäsche geht. Mit einer Faust erinnert das kleine bittere Bonbon an die Leichtsinnigkeit, mit der du es samt Whiskey-Cola hinuntergespült hast. Du fängst an zu schwitzen und versinkst in atemberaubender Geschwindigkeit in einem heißen Nebel aus Bass. Hinter deinen Lidern ist nur Hell und Dunkel. Die Augen zu öffnen, traust du dich gar nicht mehr, weil dir die Farben auf der Netzhaut weh tun. Dazwischen immer wieder diese sagenhaft schlechten Küsse. Du musst gehen, du musst gehen. Nun geh doch endlich nach Hause, verdammt. Das nimmt alles kein gutes Ende. Und obwohl in diesem Cocktail aus Alkoholika, Schmerzmittel und dem unbekannten Puncher ein kleines bisschen Vernunft verzweifelt ums Überleben schwimmt, bist du  mittlerweile so scharf, dass du gar nicht anders kannst.

Ein paar Stunden später – der Morgen graut und Berlin zeigt seine dreckigen und nassen Straßen – fliegt ihr aus einem China-Imbiss, weil ihr mit der zuvor bestellten Dreiundvierzig um euch werft.

Der Weg zu ihr nach Hause schafft es nur bruchstückhaft dein Bewusstsein. Irgendwas mit Taxi Kurzstrecke und dann aber doch zehn Euro. Du ziehst die Jacke aus, weil du gerne wissen möchtest, was der kleine glatzköpfige Taxifatzke so drauf hat, aber die Blonde verdirbt dir den Spaß einer Dorfkirmes tauglichen Nasenkorrektur und zahlt die Fahrt.

Und jetzt liegst du auf ihrem Bett, das aus ein paar beschissenen Euro-Paletten und einer viel zu weichen Matratze besteht. Durch den ganzen Schmutz, den du dir mit an Nihilismus grenzender Dummheit reingeworfen hast, spürst du nichts mehr und bist auch sonst kaum in der Lage zu koordinierten Bewegungen. Du schaust ihren Locken dabei zu, wie sie sich bewegen, während sie dich mit dem Mund bearbeitet. Vom Rest hast du auch nicht viel, weil du deinen Körper beeindruckend effektiv betäubt hast. In einem Sternschuppen-langen Moment der Klarheit fängst du an zu kichern, weil du selber nicht glauben kannst, tatsächlich eine so harte Erektion zu haben. Daran kann auch das gestellte Gestöhne der Kleinen nichts ändern. Allerdings besteht keinerlei Hoffnung auf einen Höhepunkt und deswegen hörst du nach einer Weile einfach auf und sie kuschelt sich an deine Brust.

Weniger als drei Stunden später wachst du auf und nutzt die Gunst der Stunde und deine Morgenaufregung, um vielleicht doch noch etwas zu haben von der Nacht. Da ihr selbstverständlich nicht verhütet oder sonst irgendeine Art von Vorkehrung trefft, pustet sie dich über die Ziellinie. Du staunst nicht schlecht, wie sie die ganze Ladung als erste Mahlzeit versteht.

Als sie ins Bad geht, ziehst du dich an. “Was´n dit?” Du erklärst der angesäuerten Lady, die gerade dein Ejakulat gegessen hat, dass du nur schnell Brötchen holen gehst und gleich wieder da bist und da verliert ihr Gesicht sofort den strengen Blick. Dein Hals ist trocken und deine Augen tränen bei dem ersten Schritt in diesen kalten Februar-Sonntag. Du biegst rechts ab und läufst in Richtung Bäckerei und dann läufst du weiter, und weiter, und dann kannst du nicht mehr und gibst dem Druck hinter deinen Augen nach und wie ein Fluss fließt es dir übers Gesicht. Immer weiter und immer mehr und dann sitzt du in der Ringbahn und das Flugfeld zieht an dir vorbei und dann musst du kotzen, weil dein Hals so trocken ist. Und natürlich brennt es wie Essig und auch das ist dir mittlerweile egal. Du wimmerst einfach weiter und steigst Tempelhof in die U6 und irgendwann stehst du da mitten in Kreuzberg im Badezimmer und schaust dieses ausgemergelte Gesicht an.Diese schlaffen und fahlen Züge.

Und du denkst: Das ist er also. Das ist der Typ, vor dem dich alle gewarnt haben. Es ist immer nur Donner und kein Licht.

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3 Gedanken zu “Nur Donner und kein Licht”

  1. Wie herrlich destruktiv. Und trotzdem so harmlos. Es ist ja nur Donner. Vielleicht erzählst du irgendwann mal eine Geschichte vom Licht. Wäre sie wirklich noch schlimmer? Ich frage mich, was dir noch Angst machen kann.

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