Tag 200

Es wird Sommer. Wieder mal. Aber ohne mich. Ich liege im Bett und fühle mich beschissen.
Durch die Außenrollos schimmert sich der Morgen in mein dunkles Zimmer. Wieder mal. Aber ohne mich. Ich liege noch immer im Bett und fühle mich beschissen.
Regen peitscht gegen die Außenrollos. Aber ohne mich. Wieder mal.

Neben mir beendet der Hund sein Gähnen mit einem Geräusch, das höher ist als alles, was James Blunt bei „ Flying High“ zustande bringen könnte, nur um mir danach das Gesicht abzulecken. Ich muss kurz kichern, nur um dann an dich zu denken und das brennen in meiner Brust zu spüren. Wenn meine Füße die kühlen Dielen berühren, stelle ich mir wie jeden Tag die Frage, ob ich mich schon umgebracht hätte, wenn da dieses Tier nicht wäre. Ich denke dabei immer wieder an Heroin. Seit du weg bist, ist es kalt geworden und ich habe gehört, damit wird es warm. Ganz sehr.

Unser Hund, den wir uns als Zeichen unserer Liebe zugelegt haben. Drei Tage bevor du mir gesagt hast, du könntest alles nicht mehr. Ich sei zu schwer für dich. Meiner kaputten Seele bedarf es an professioneller Hilfe. In deinem Gesicht war überhaupt nichts zu erkennen. Der Kuss an deiner Tür, ließ keinen Raum für träumerische Hoffnungen und völlige Fehlinterpretationen. Eine Berührung von Lippen, die nur eines bedeuten konnte: Adieu.

Ich quäle mich über das Flugfeld und der Hund verfolgt die Gerüche. Ich kann keine Musik mehr hören, weil die Gedanken an dich in meinem Kopf dann zu laut werden. Nur mit dem Wind im Ohr lässt sich dieser Zustand aushalten.

Tag 200 und genau so lange habe ich nichts mehr von dir gehört. Du meintest, es sei besser für uns, wenn wir erst einmal keinen Kontakt mehr haben. Du möchtest dich erholen von der Zeit. Es würde mir leichter fallen, damit klar zu kommen, wenn ich keine Verbindung zu dir hätte. Aber du hast gelogen. Nichts ist leichter. Es ist schlimmer und wird noch schlimmer. Ich kann nicht essen, weil ich an dich denke und dann dieser Schmerz wieder da ist. Ich kann nicht schlafen, weil deine Hälfte des Bettes leer ist. Ich kann mich nicht einmal in die Mitte des Bettes legen.

Du hast ein so großes Loch hinterlassen, bei mir, dass ich ab und zu glaube, der gesamte Weltschmerz liegt darin. Gelegentlich versuche ich ganz sachte an dich zu denken, nur so stückweise, um zu schauen, ob es noch weh tut. Ich taste mich langsam an die Bilder von dir in meinem Kopf heran. Und dann, ja, tut noch weh.

Es schlafen mir unbekannte Frauen mit mir. Aber ohne mich. Ich liege einfach da und fühle mich beschissen. Du schimmerst in ihren Küssen vor meinem inneren Auge.

Ich sehe deine Silhouette in den Menschenmassen dieser großen Stadt, die du so liebst. Aber du bist es nicht. Nie. Und nur ich weiß es. Auch die Frauen, die dein Parfum tragen, werden nie den Grund erfahren, warum ich ihnen nachschaue.

Es ist Mitternacht vor dem Anker in Neukölln. Ich stolpere herum. Wieder mal. Neben mir steht T. – der einzige Mensch, dem ich im Moment vertraue, weil es ihm gleichermaßen ergeht. Wir haben uns erneut mit vollkommener Hässlichkeit dem Alkohol hingegeben und zugerichtet.

Er hält sich an einem Straßenschild fest, drück seinen Kopf gegen die Stange und reißt die Augen übertrieben weit auf, um die Kurznachricht auf seiner Funkpeitsche lesen zu können. Die Frau, die diesen Zustand auslöst, schreibt ihm. Ich beneide ihn um den Kontakt, den er zu ihr hat. Hasse ihn sogar dafür.

Ich spucke auf die Straße und schaue in den Himmel. Nur wenn mein Verstand so sehr kreist wie jetzt, sind die Bilder von dir in meinem Kopf verschwommen genug, um mich einschlafen zu lassen. Mein Gesicht schwemmt auf von der ganzen Sauferei.

Wie immer lese ich deine letzte Nachricht an mich.

Bitte mach es nicht schwerer als es ist. Es geht mir auch nicht gut. Aber mit dir wird’s auch nicht besser. Du machst mich traurig. Du bist zerrissen und willst es nicht sehen. Bitte such’ dir jemanden, der dir hilft, mit all dem zurechtzukommen. Du kannst so nicht weitermachen. Bitte antworte mir nicht, aber bleib am Leben. S.“

Natürlich schrieb ich dir. Dutzende E-Mails als du schliefst und ich in dem Nebel meines Rausches nach Worten suchte. Nicht, weil ich dachte, wir können wieder wir werden. Einfach nur um mit dir in Kontakt zu sein. Das Gefühl zu haben, so kannst du mich nicht vergessen. Abscheu ist schließlich auch nur eine Form von Zuneigung.

T. dreht mich danach in die richtige Himmelsrichtung und meint: “Einfach nicht abbiegen. Nur geradeaus.” Auf die Frage, wann ich wieder leben und atmen kann, ohne den Druck hinter meinen Augen, schüttet sein lautestes Lachen in die Straße, umarmt mich und flüstert mir ins Ohr: “Leute wie du und ich, wir leben nicht. Wir überleben. Von Krieg zu Krieg. Von Tag zu Tag. Von Asche zu Asche.” Wir haben gelacht und nach einem Kuss auf unsere stoppeligen Wangen ging ich unsicheren Schrittes durch die Stadt. Ich spüre immer, wie sich das Lächeln in meinem Gesicht legt und ich an dich denke.

200 Tage und nichts hat sich verändert. Ich habe jeden Tag an dich gedacht. Und ich weiß, daran wird sich nichts tun. Und so prügel ich mich durch die Welt. Wie diese Kugeln in den Flipper-Automaten. And the sidewalks are watching me, think about you.

Tag 209. Ich stehe im Wedding zwischen Studenten und Waldorf-Schülern in einer WG, die aussieht, als hätte sie für ein schwedisches Möbelhaus Porträt gestanden. In der Luft hängt noch der Geruch von Klebstoff. Ich denke daran, wie wir deine Wohnung eingerichtet haben und mich die Stahlseil-Halterung für den Vorhang in Verbindung mit der Stahlbeton-Wand zur Weißglut brachte.

Im Hintergrund laufen The Streets. Dry your Eyes. Ich mache mir einen letzten Jägermeister-Cola ohne Cola, stürze aus der Wohnung und nehme die Bahn nach Hause. Ich lese deine letzte Nachricht. Wieder mal. Platz der Luftbrücke; ich steige aus. Auf dem Bahnsteig mache ich den Pocket-Check. Das Handy. Vorne nicht. Hinten nicht. Jacke nicht. Es ist nicht da. Ich drehe mich um und sehe durch die Scheibe, wie es auf der Sitzfläche davonfährt. Die Bilder aus unseren letzten gemeinsamen Tagen, die Kurznachrichten, unser letztes 37-minütiges Telefonat in der Anrufliste. Alles ist weg. Für immer. Und bist es auch.

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6 Gedanken zu “Tag 200”

  1. Fast aus der Seele gesprochen, nur das ich die Nummer und ein komplettes „Buch“ noch habe und keinen Hund! Sehr schön geschrieben, danke für die verbindenden Worte! 🙂

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  2. Markus, deine Texte lösen so viel Traurigkeit in mir aus, ich weiß gar nicht wohin damit. Grade ärgere ich mich noch über die scheiß Krähen im Hinterhof, die meine frisch gepflanzten Sonnenblumen wieder austopfen und zerfleischen und dann kommst du und meine wütenden Stirnrunzeln werden abgelöst vom Kloß im Hals und einer Träne im Augenwinkel.
    Alles wird gut. Ganz bestimmt.

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  3. „Gelegentlich versuche ich ganz sachte an dich zu denken, nur so stückweise, um zu schauen, ob es noch weh tut. Ich taste mich langsam an die Bilder von dir in meinem Kopf heran. Und dann, ja, tut noch weh.“

    Besser hätte ich es nicht beschreiben können.
    Deine Texte berühren und drücken genau das Gefühl aus wofür ich nicht die passenden Worte finde. Danke 🙂

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