Das Schimmern ihrer Augen

Es ist ein kalter Herbsttag und unerwartet steht Matze vor mir. Eigentlich wollte ich im Zentrum nur eine Call-Ya-Aufladekarte für mein Handy kaufen und direkt wieder nach Hause, da das ungemütliche Wetter nichts anderes zulässt. Zumindest für Menschen, wie mich, die zu jeder Jahreszeit in zerfetzten Skaterschuhen durch die Gegend schlürfen.

„Das ist Marie.“ Er deutet mit seinem Blick auf das Mädchen neben ihm, dessen Hand in seiner liegt, was weitere Erklärungen bis hierhin überflüssig macht. Sie lächelt schwach und ich weiß, sie erkennt anhand meines dümmlich leeren Blickes, dass ich noch nie in meinem Leben etwas von einer Freundin, seiner Freundin gehört habe. Ich bin mir sicher, sie würde jede Lüge augenblicklich erkennen. Einen Versuch, ihr mitzuteilen, dass mir Matze, also ihr anscheinend fester Freund, schon jede Menge über sie erzählt hat, spare ich mir daher.

Da er und ich – wir – eine eher gewerblich untermauerte Freundschaft unterhalten, ist es nicht besonders verwunderlich, dass er sich diesbezüglich bislang in Schweigen hüllte. Ich gehöre zu den Kunden seines kleinen Familienunternehmens. Er ist mein Dealer und besorgt mir wöchentlich feinstes Gras, das ich ihm in großen Mengen für meinen gesamten Freundeskreis abnehme. Ich erfahre, Marie besucht das Gymnasium, in dessen direkter Nachbarschaft ich wohne, und deswegen denke ich bei mir, wie es sein kann, dass er bisher dennoch nie auf die Idee gekommen ist, in irgendeinem Nebensatz fallen zu lassen, dass raue Mengen seines Grases  nur in Spuckweite der Bildungsstätte seiner Freundin konsumiert werden.

Beide fragen, ob ich mit zu ihr gehen möchte, und weil ich unbedingt mit ihm reden und ihn ausquetschen will, was er da für eine wunderschöne Freundin angeschleppt, und warum er bislang noch nichts von ihr erzählt hat, schlürfe ich den beiden mit hochgezogenen Schultern im Oktoberregen hinterher und bei jedem Schritt schwappt eine kalte Suppe zwischen meinen Zehen auf und ab.

Sie zündet ein paar Kanabis-Räucherstäbchen an und wenig später sitze ich auf ihrem Teppichboden und stiere auf den Kaninchenstall, während die beiden hemmungslos ineinander verkeilt rummachen und ich weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll und weil ich spüre, dass in mir drin dieses Gefühl ist, dass mir Angst macht, ich könnte so eine tolle Freundin nie haben, stehe ich auf und gehe ohne ein weiteres Wort.

Ein paar Tage später schreibt sie, sie hätte die Nummer von ihm und entschuldigt sich, für das ganze Rumgemache und dann fragt sie, ob ich nicht vielleicht Lust hätte, mich mit ihr zu treffen, denn sie fand mich irgendwie nett und ich sei so ganz anders als die Freunde, die Matze sonst so hat, und in mir drin springt ein kleines Männchen in die Luft und schlägt die Fersen aneinander.

Noch vor unserem ersten Treffen bekommt Matze Wind von der Sache und will mich sprechen und ich weiß, das kann eigentlich nur Ärger bedeuten und wenn ich die schmächtigen Ärmchen anschaue, die da aus meinem T-Shirt herausschlackern, ist mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken und ich verfluche diese Marie, die mich erst einlädt und dann zulässt, dass ihr Freund, der Wasserball spielt und den Körper eines Stahlarbeiters hat, mir die Schneidezähne herausbricht.

„Ich sag`s dir ganz klar, wenn du glaubst, du kannst dich mit meiner Freundin treffen, ihr dann in den Arsch kriechen, bisschen nett sein und den guten Freund machen, nur um dann ein Nümmerchen zu schieben, mit meiner Freundin, dann hast du dir aber das falsche Mädchen rausgesucht!“ Und wie er „meine Freundin“ ausspricht, klingt das so, als gehöre sie ihm, und darüber denke ich nach und nehme mir vor, sie zu fragen, ob sie gerne mit ihm zusammen ist, wenn er so über sie spricht, denn glauben will ich das nicht.

Ich kann Matze davon überzeugen, dass ich es nicht auf ein Nümmerchen mit seiner Freundin abgesehen habe, was natürlich gelogen ist, aber selbstverständlich in Anbetracht meiner prinzipiell schon schlechten Zähne, von mir konsequent geleugnet wird.

Wir treffen uns ein Mal, zwei Mal, drei Mal und irgendwann so oft, dass kein Mensch mehr mitzählen könnte und meine Daumen sind wund, der ganzen Kurznachrichten wegen, die wir uns nachts selbst dann schreiben, wenn wir nur kurz pinkeln.

Bald ist Schluss mit Matze und weil er glaubt, ich könnte da meine Finger im Spiel, oder seiner Freundin haben, verebbt meine Drogenquelle jäh, aber das macht mir nichts aus, denn ich kann nur noch mehr Zeit mit Marie verbringen und ich kenne nichts, das mich mehr erfüllt, denn mit ihr gemeinsam Nirvana zu hören, auf ihrem Bett zu liegen und zu reden, lässt mich fast vergessen, dass da etwas in mir drin ist, dass ich ihr gern sagen würde. Wie über alle Maßen ich in sie verliebt bin. Aber der Spiegel zeigt mir die Wahrheit, die Unerreichbarkeit, die unreine Haut und das Gesicht, in dem ein Lachen, wie eine ungelenke Artistiknummer aussieht.

Ich esse bei ihr zu Abend und ihre Eltern, die sich gerade scheiden lassen, ziehen die Brauen hoch und nicken einander anerkenned zu, weil der Besuch an ihrer Tafel mit Besteck zu essen weiß und über den Tisch hinweg kann ich in ihre Augen sehen, wie sie stolz glänzen und dann lächelt sie, und ich kenne niemanden, der schöner ist.

Ich erfahre jeden Tag, was ich für ein Versager bin, wie feige, ihr nicht mein brennendes Herz zu gestehen, und wie beneidet ich mich fühle, wenn wir zusammen sind.
Wir gehen in die einzige Disko der Stadt und ich schütte mir die ersten drei Tequila meines Lebens Zug um Zug in den Hals und sie schmecken grauenvoll.

Mit allem Mut, der mir vom Alkohol gegeben wird, drücke ich meine Lippen im Lärm der Konservenmusik auf ihre und dann küssen wir für einen winzigen Augenblick und ich nehme sofort den Kopf zurück. Sie lächelt mit ihren wunderschönen Zähnen und dieses Strahlen in ihren Augen lässt mein Herz aussetzen und dann tanzen wir durch den Abend.

Wir werden nie darüber reden, denn sie hat keine Zeit, weil sie beim Umzug helfen muss. Sie wird zu ihrem Vater ziehen und lehnt meine Hilfe ab und ich weiß nicht, wie man sich benimmt oder fühlt, wenn andere Eltern einander scheiden lassen, da ich nur meine, schon immer geschiedene Familie kenne.

Ein paar Wochen vergehen und ich höre nichts von ihr, bis sie mir eine Kurznachricht schreibt und das Feuer in mir sofort entfacht.

Sie schlägt eine ihrer Mädchen-Zeitungen auf, in der ein Quiz zu lösen ist. Fragen über Liebe und Sex. Ich hätte da auch noch ein paar Fragen, aber ich stelle sie nicht. Es fühlt sich anders an bei ihr zu sein. Sie ist ferner, unsicher und die Nähe, die wir hatten, hat sich aufgelöst und deshalb gehe ich wenige Stunden später nach Hause. In meinem Kopf sind dunkle Wolken, weil ich nicht weiß, wie ich mich fühlen soll, denn an der Tür haben wir beide gespürt, dass dies die letzte Begegnung gewesen sein wird, die wir für eine Weile hatten.

Und so kommt es dann auch, es wird Frühjahr und ich fahre jede Menge Skateboard, treffe mich mit Freunden, kiffe viel und schreibe mittelmäßige Noten. Neben meinem Bett hängt ein Foto von ihr und wenn ich keine Ruhe finde, stelle ich mir vor, sie würde in meinen Armen liegen, und wir schliefen zusammen ein.
Ich komme von der Schule über einen kleinen Umweg und laufe nicht wie sonst direkt, sondern etwas versetzt an ihrem Gymnasium vorbei und da sehe ich sie mit ihrem zartrosa Rucksack die Treppen heruntersteigen. Es wäre ein leichtes, zu rufen und zu winken und dann vielleicht ein paar Minuten mit ihr zu reden und womöglich würde ich ihr meine andauernde zärtliche Zuneigung gestehen, aber meine Füße bewegen sich nicht und der Ruf nach ihr, er bleibt mir stumm im Hals stecken, denn ich weiß in diesem Moment, es ist nicht mehr unsere Zeit.
Hätte ich den normalen Weg nach Hause genommen, wie jeden Tag, wären wir einander direkt in die Arme gelaufen, aber das sollten wir nicht. Sie geht die Straße runter und ich schaue ihr nach und erinnere mich an ihr lautes Lachen sowie die bitterlichen Tränen, bei der Trennung von Matze. Die kleine Flamme in meiner Brust, sie geht aus und ich bilde mir ein, das Zischen zu hören. Vielleicht ist es nur ein letzter Tropfen alten Herbstregens, der auf dem warmen Boden dieses Junitages verdampft.

Kurz darauf zieht sie für ihre Ausbildung 400 Kilometer weit weg.

Ich vergesse sie nie und exakt zehn Jahre nach unserer ersten Begegnung im Herbstregen und zwischenzeitlich wenigen flüchtigen Kontakten, habe ich eine Nachricht in meinem Postfach. Sie fragt, wie es mir ergangen ist, sie hat öfter an mich gedacht und wäre froh, wenn wir einander bald treffen würden. Es ist ihr sehr wichtig, und ich kann kaum glauben, was in mir vorgeht. Es ist an der Zeit, sagt sie. Ich stimme zu, muss es ihr sogar versprechen und etwas beginnt zu glimmen.
Habe ich Zeit, hat sie keine. Wenn sie in der Stadt ist, bin ich es nicht. Wir verschieben immer wieder. Es kommt zu keinem Treffen. Der Kontakt dünnt sich aus, und nahezu zehn Jahre nachdem wir einander an der Tür verabschiedet haben, mir der Wind ins Gesicht bließ, und überall diese dunklen Wolken waren – in mir und um mich herum – lädt sie ein Bild im sozialen Netzwerk hoch.
Ich schaue mir das Foto an und erkenne wie glücklich sie ist, wie sie strahlt. Daneben ihr neuer Freund. In ihren Augen ist dieses Glänzen, wie damals zu Tisch beim Abendessen und das Leuchten, wie in der Nacht unseres einzigen kurzen Kusses und mir wird schlagartig bewusst, was für ein schwachsinniger blinder Mensch ich doch bin.

Ich hab es nicht begriffen – das Schimmern ihrer Augen.

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